Freitag, 16. März 2018

Lebensklug und gut vernetzt. Unser Gehirn im Altern. - Vortrag von Dr. Marion Schirling


"Das geheime Lebenselixir, das alle Krankheiten heilt und unsterblich macht, ist noch nicht erfunden", so begann Dr. Schirling ihren Vortrag, aber die Hirnforschung habe in den letzten Jahren doch vieles herausgefunden, was helfen kann, ein "gutes Leben" zu führen. Mit "gutem Leben" ist dabei nicht ein Leben ohne Schwierigkeiten und Schicksalsschläge gemeint, sondern ein Leben, das trotz solcher Belastungen nicht dauerhaft aus der Balance gerät.
Dazu könne unser Gehirn, wenn wir es "gut behandeln" Wesentliches beitragen.

Doch was ist dafür zu tun?
Anders, als man lange geglaubt hat, lernt unser Gehirn auch im hohen Alter gern. Aber nur dann, wenn es immer wieder herausgefordert wird und nicht ständig in den alten Bahnen laufen muss.
Ein Hirnforscher hat dafür ein anschauliches Bild gefunden: Wenn es geschneit hat, bildet sich rasch ein Trampelpfad auf den Alltagswegen. Wenn man aber nie von diesen Wegen abweicht, liegt der Schnee dort bald so hoch, dass man sich in diesen Tiefschnee nicht mehr hinein traut.
Unser Gehirn hat viele Milliarden Neuronen, mehr als es Sterne in der Milchstraße gibt, die feuern ständig und schaffen, wenn sie dazu angeregt werden, mit Neurotransmittern (Botenstoffen) neue Verbindungen, sogenannte Synapsen untereinander.
Eine Frau, die erfuhr, dass sie erblinden würde, entschloss sich, mit über 70 Jahren noch die Blindenschrift zu erlernen. Mittels bildgebender Verfahren wurde ihr Gehirn vorher und nachher untersucht und festgestellt, dass es im Bereich des Tastsinns erheblich zugenommen hatte. Ähnliches zeigte sich, als man einer Gruppe von älteren Frauen und Männern das Jonglieren beibrachte. Im Unterschied zur Kontrollgruppe nahm ihr Gehirn im Bereich des visuellen Assoziationscortex und des Hippocampus, der Hirnregion, die für das Lernen wichtig ist, also in den Bereichen des räumlichen Sehens und der Konzentrationsfähigkeit enorm zu. Auch im alternden Gehirn können also neue Nervenzellen gebildet werden (adulte Neurogenese).
Freilich, als die Gruppe nicht mehr jongliert hat, ging das Gehirn in diesen Bereichen leider teilweise wieder zurück.
Die durch Anregung neu gebildeten Nervenzellen lernen schneller als die alten, sie können schneller Synapsen ausbilden und auch wieder rückbilden, wichtige Faktoren für unser Lernen und Erinnern. Deshalb sollte man sich auch im Altern seine Neugier bewahren. Die ist es nämlich, die immer wieder neue Anregungen schafft. Kinder im Alter von 5-6 Jahren fragen nicht selten über 400 mal am Tag, Erwachsene, allenfalls 10 mal. Gesunde Kinder lachen über 40 mal am Tag, während Erwachsene, wenn es hoch kommt, dies nur 15 bis 20 mal tun.
Überdies kann das fröhliche Infragestellen alter Denkgewohnheiten durch Kinder wie ein Gesundbrunnen für alternde Gehirne wirken. Schließlich folgen wir bei rund 40 Prozent unserer Handlungen nur alten Gewohnheiten, ohne uns zu fragen, ob sie für die aktuelle Situation noch angemessen ist.

Wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, dass man eben alt ist und dass deswegen vieles nicht mehr möglich ist, dann versucht man gar nicht erst, das zu tun, was sehr wohl noch möglich ist. In einem Experiment mit Studenten gelang es in nur zwei Stunden, in denen sie mit negativen Begriffen berieselt wurden, aus munteren lebenslustigen demotivierte Studenten zu machen. Wie viel stärker muss es wirken, wenn man viele Jahre lang geübt hat, zu resignieren.

Deshalb kommt alles darauf an, dass man sich als alternder Mensch nicht von der übrigen Gesellschaft abkapselt und sich gegenseitig in Klagen über die schlechte Welt und Krankheiten in Resignation bestärkt.

Hier führte Frau Schirling die vier großen B's ins Feld, die geistig beweglich halten und die insbesondere der deutsche Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther für wichtig hält:
1. Begegnungen und Beziehungen mit anderen Menschen (nicht zuletzt solche, die Denkgewohnheiten infrage zu stellen helfen)
2. Bewegung (Körperliche Aktivität hilft den Dopaminspiegel (des Glückshormons) aufrechtzuerhalten.)
3. Bedeutung und Begeisterung (Alles, was uns wichtig ist und wofür wir uns begeistern können, mobilisiert neue Kräfte und stärkt unsere Gehirnleistung.)
4. Belohnung *(Jede Herausforderung, der wir uns gestellt und die wir bewältigt haben, aktiviert einen Ort im Gehirn, den Nucleus accumbens, der wiederum Botenstoffe aussendet, die uns stärken und unsere Selbstheilungskräfte mobilisieren.)

"Es gibt zwar kein Elixier, das ewiges Leben schenkt", schloss Marion Schirling, "aber wir haben etwas Besseres: Es sind diese vier B's, mit denen unser Gehirn, lebensklug und gut vernetzt, getrost alt werden kann, vorausgesetzt, dass es sich weiter für die Themen des Lebens interessiert und begeistert."

Zum Artikel im Bergsträßer Anzeiger vom 28.3.18

* Wie wir uns selbst belohnen können.

wurden in diesem Blog bereits am 14. März vorgestellt.

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